![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Interview with Phono in 365 magazine (in German only)Phono, 29 Jahre jung, Ur-Geraer und Quasi-Leipziger, seines Zeichens Techno-Urgestein, LaLuna-Mitbegründer, DJ, Grafiker (z. Bsp. Taschenkalender), Deko-Artist und Netzwerker innerhalb der Drum´n´Bass-Szene, hat sich aufgerafft, passend zum von ihm gestalteten Heftcover ein paar Antworten auf unsere neugierigen Fragen abzufeuern. 365: Jörg aka Phono, seit wann bist Du in der Szene aktiv, welches waren die ersten Schlüsselmomente, die Dich unwiderruflich fesselten? Phono: Angefangen hat das, als ich von einem Freund, der mit mir in die selbe Schule ging und mittlerweile nicht mehr lebt, das erste Techno-Tape erhielt – das war 1991, überspielt von CDs, und das Tape lief dann immer bei mir daheim auf und ab. Dann war ich im Urlaub in Spanien, wo in den Discos Quadrophonia und T99 lief. Das war, was wir wollten: richtige Abfahrt, Musik, die uns gewachsen war :] Schlüsselmomente... die erste Akveto-Party `94 (eigens für Partykultur damals gegründeter Verein für Akzeptanz, Verständnis und Toleranz - d.R.) im Keller der damaligen Bettelburg, die nur eine halbe Stunde dauerte und von einem horrenden Bullenaufgebot beendet wurde, nachdem wir eine Woche die stillgelegte Fabrik gereinigt und dekoriert hatten; dann der erste Besuch im Berliner Hardwax `93 (Leute, die mit Independent-Kultur ihren Lebensunterhalt bestritten und immer noch bestreiten), die erste Mayday, bei der ich war (1993 in Dortmund) und die mir zeigte, dass Glaube Berge versetzen kann. Und ich war `94 auch das erste Mal zur Love Parade, damals noch den Ku’damm entlang. Damals ging es los mit Plattenbestellungen in Geraer Plattenläden, hat lange gedauert immer, die haben das meist über Rough Trade oder EFA bezogen. Ab `93 hab ich dann im Hard Wax Berlin bestellt. Meine erste Bestellung waren ein Plus8-Sampler und die Analog Bubblebath 3 von Aphex Twin. 1994 kam die Warp-Zone, die erste große Techno-Party in Gera in der Panndorfhalle mit allem, was die Veranstalter damals gebucht kriegten. Es war völlig abgefahren! Wir haben sogar wegen der von den Veranstaltern verpatzten Hallenmiete unsere privaten Sparbücher geplündert... 365: Woher rührt Dein Interesse speziell für all die kranken und/oder ungeraden Sounds im Spannungsfeld zwischen Gabber, (Happy) Hardcore, Breakbeats, Drum´n´Bass und Ambient? Phono: Hardcore war neu und hat mich gekickt, mir den Halt in der Welt gegeben, Extreme ausgelotet. Das war ein Feedback, das mich atmen ließ, von dem ich mich damals bestätigt fühlte. Als ich die ersten Breakbeats hörte, da ging es erneut richtig ab, Hardcore war neu erfunden und so vertrackt plötzlich! Alles, was war, wurde versamplet, wurde in Frage gestellt, verwurstet, (Ilsa Gold zum Beispiel), und es ging dabei nicht um ernste Dinge. Das war einfach Lebensenergie pur. Wir waren wie Entdecker, Mann! Wir waren vorn. Und Gera wollte gerockt werden. Und will es bestimmt noch... Die Spinner von damals kommen langsam, stellen sich auf die Beine, machen ihr Ding, auch in Gera... 365: Spielt sich in Deinem Kopf ein Film ab, wenn Du auch gerne mal mit Extremsounds die Tanzfläche räumst, wahlweise außer Rand und Band bringst? Phono: Im Idealfall ja. Wenn die Stimmung stimmt, lass ich mich anstecken und versuche die Leute zu necken und zu begeistern, ein stetiges Wechselspiel. Ambient hingegen ist immer schon Sahne, ist der Ruhepol zum Wachwerden, lässt Zeit, gibt dem Moment Farbe. Ich möchte den Leuten Abende geben, die sie nicht vergessen – und natürlich selber auch welche erleben. Das ist, was hinterher zählt. Sie sollen sich spüren. Und es ist ermunternd zu sehen, wie das Publikum hungrig nach Überraschung und Kicks ist. Als wir am 24. Januar Paradox (Reinforced Records, UK) live in der Distillery hatten – der übrigens nur live auftritt und nicht wie viele noch nebenher auflegt – war das Haus gerammelt voll. Der Mann ist ein sehr sympathischer Typ, der DnB vor über 12 Jahren mit lostrat; und seine Breaks sind krass!! 365: Stichwort Grafik & Deko-Arts: Du hattest ja schon des öfteren die Gelegenheit, Deine Fingerfertigkeit unter Beweis zu stellen, angefangen bei den noch existierenden Dekostoffbahnen aus der Akveto-Zeit und noch lange nicht angelangt bei den Muna-Flyern der jüngeren Generation – wo hattest Du schon überall Deine grafischen Finger im Spiel? Phono: In Gera war es bei Akveto, z.B. im Klub am Puschkinplatz, später dann für die LaLuna, die SMS (Deko im Rahmen des Muna-Chillout-Areals und Artwork fürs Festival), dann die Muna – ziemlich viele Sachen – von Flyern und Bildern über teils bewegte Deko, Karneval-LKW-Aufbauten, Airbrush-Stuff… Später die Distillery mit ihren neuen beleuchteten und aushängbaren Trennwänden und einigen Flyern, außerdem DJ Dalis Knagge-Crew mit Flyern, Stickern und Werbefilmchen sowie einem dekorierten LKW für die Global Space Odyssey – mit denen machen wir unter Breakbeatmassaker übrigens einen gemeinsamen Wagen dieses Jahr (am 8. Mai auf dem Innenstadtring in Leipzig). Dann designe ich zurzeit Picture Discs (das sind die Schallplatten mit Bild drauf) und Cover und T-Shirt-Motive für Soundbase Music (Gabber und Hardcore Mailorder). Den Steffen, der das macht (und der den ersten Techno-Plattenladen X-Plode in Leipzig betrieb) hab ich auf einer Party Mitte der neunziger Jahre kennen gelernt, wo er einen Plattenstand hatte. Dort hatte ich mehr Platten rausgesucht, als ich bezahlen konnte, und er meinte, ich solle sie einfach mitnehmen und den Rest überweisen, obwohl er nicht wusste, wer ich überhaupt war. Fand ich cool, hab ich dann auch gemacht. (...) 365: Stichwort Musik- und Partyszene mit all ihren Facetten wie Sounds, DJ-Bündnissen, Flyern, Websites, Zines...wie sieht hier Dein Stammbaum aus? Was hast Du getrieben, was treibst Du? Was geht in Leipzig? Phono: Als ich nach Leipzig ging, hatte ich zuerst Kontakte zum repertoire, einem Broken Beats Fanzine, das mich zum Interview wollte und mittlerweile ein Online-Magazin ist, da wusste ich gar nicht, was ich sagen sollte. Für die hab ich dann einige Monate lang kleine Cartoons beigesteuert. Dann ergaben sich Kontakte zu den Leuten um die frühere Yebo-Crew (Philipp, Josh, Roxy etc.), die ja stets auf Party mit ihrem besprühten Robur-Bus vorfuhren und die ich von früher kannte und die immer sehr lieb und hilfreich waren (Grüße!). Philipp und Josh hatten auch den Citytrax-Recordshop, aus dem dann Philter Music hervorging, ohne Josh. Dann gab es Nils, der das Nautilus und später das Chromatics gemacht hatte, zwei nette kleine Bars mit elektronischer Musik, in die ich damals von Gera aus per Eisenbahn mit Rucksack zum Auflegen fuhr. Über den kam ich auch zum Distille-Steffen. Dann ist da natürlich auch Ariane, die Mutter meines Sohnes (...), und sie war und ist Barlady in der Distille, wo ich sie auch kennenlernte. Und irgendwo konnte jeder irgendwas von dem anderen nutzen oder dem anderen was beisteuern. Zum Beispiel DJ Dali, der ein totaler Bassfanatiker ist und aus jeder Anlage das Machbare herausholt, manchmal tagelang an der PA feilt und nur dafür lebt – und uns bei Paradox die ganze Nacht zur Seite stand. Und dann lernte ich über einen Gig in der Nähe von Zwickau Echolot kennen, der dann zum Studium nach Leipzig kam und mit dem ich beschloss, eine Crew zu gründen – breakbeatmassaker –, die nunmehr sechs Mitglieder hat und deren erste fette Sache die Paradox-Party war. Wir fahren übrigens morgen nach London zum Besuch :] 365: Glaubst Du an Stichworte wie Community mit Betonung auf Unity? Behält man den Überblick bei diesem dichten Netzwerk von Leuten innerhalb der Szene? Vor allem: bleibt man beim Wesentlichen seines Schaffens? Phono: Es geht heute oft darum, vor allem nicht unterzugehen. Leipzig ist bestückt mit ziemlich klaren Regeln, und es gibt viele Leute, die einem gern Chancen geben, aber du hast in diesem kleinen Spartenbereich selten eine zweite Chance, wenn du die erste vertan hast. Das Netzwerk in Leipzig ist so gestaltet, dass es regelmäßige Partyreihen gibt, und man trifft sich öfter mal zum Tee zu Hause. Es gibt Internetforen, Magazine, es wird einfach alles genutzt, was da ist, um vorwärts zu kommen. Es gibt Crews, die untereinander zusammenarbeiten, wenn es um was Großes geht (das Größte war bisher wohl die Paradox-Party, zu der sich das repertoire, constructmusic, breakbeatmassaker, LXC, Tantrum, Radio Corax (Halle), eben alle, die Paradox in der Stadt sehen wollten, zusammen schlossen). Es gibt durch die HTWK und die Uni immer ne Menge junger Leute, deshalb kann man auch Dinge riskieren, die man in Gera eher nicht versucht. Grundsätzlich kann man wohl sagen: Traue deiner Menschenkenntnis und deinem Gefühl, du brauchst es. Gib den Leuten Chancen, wenn du sie geben kannst, du machst dich dadurch unentbehrlich und hilfst neuen Ideen weiterzukommen. Gib dein Bestes. Glaube an das, was du tust, kämpfe darum, das gibt dir Feedback und Bestätigung und hält dich und deine Träume am Leben. Alle sind offen und warten auf neue Vibes. Wenn du etwas spürst und liebst, bleib dran. Und wichtig ist für mich immer dabei, dass es Rückzugszonen gibt zum Energietanken. Fehlt das, geht es schief. 365: Welche Anekdoten hast Du von Partylegenden wie der „Warpzone" (3-Tages-Techno-Party 1994 in der Panndorfhalle), ersten illegalen Partys, aus welchen der Akveto e.V. hervorging, oder längst verflossenen Clubs unserer Region mit Namen „Zur Sonne“, „Endstation 9“, „Q-Stall“, „Tunnelbeats“, „Kornhaus“, „Haus der Radioaktivität“ etc. mitgenommen? Was fesselt einen Deiner Meinung nach so nachhaltig an diese ganze Partybewegung? Phono: Anekdoten, hm... es gab vieles. Die Warpzone beispielsweise, das ging drei Tage, fuhr 60.000 DM miese ein (die Veranstalter haben wir danach nie wieder gesehen), und es war cool, hab damals auch Plakat-Touren mit dem alten VW-Bully mit gefahren, bei dem nur einer die Schiebetür effektiv bedienen konnte – also so, dass sie nicht aushängte. Die Jungs, die damals die Organisation machen mussten, waren Lehrlinge bei Sauter Kommunikation, so ner kleinen komischen Agentur aus Gera, die von den Veranstaltern beauftragt war, das Ding zu schaukeln. Und die Jungs machen mittlerweile den Mikromarken-Shop und die Werbung und Merchandising für die SMS: die Visionauten, auch in Leipzig heute. Bei der Warp-Zone stand ich das erste Mal vor Publikum an den Tellern und spielte Gabber vor vielleicht 20 Leuten, die in der Riesenhalle rumbouncten. Schräge Sache das! Viele Dinge habe ich zum ersten Mal erlebt, das prägt und gibt dir gleichzeitig Halt, es ist schon deine Familie. Das haben die schon früher richtig gemeint mit We are one family. Das hat sich nur komisch verschoben das Ganze, weil nicht alle mit an den Esstisch passten. Bei diesen frühen Parties wurden schon Kontakte geknüpft, natürlich nicht so gezielt, jedoch aus heutiger Sicht einige, die Bestand hatten. Die Offenheit und der Spirit, der einen verbindet und schützt, ist für mich das Wichtigste daran. Überall immer wieder zu merken, dass man lebt. Das kommt oft viel zu kurz. Es gibt viele Leute, zu denen ich bis heute Kontakt habe, zum Beispiel habe ich im Q-Stall damals Nuclid kennengelernt, der schon bei der Warp-Zone (...) dabei war. 365: Und was macht den Reiz und die Gründe ewiger Wiederkehr zu Festivals wie „Sonne, Mond und Sterne“ und Clubs wie der „Muna“ aus, welche man ja getrost als Deine Bases bezeichnen kann? Phono: Eine schöne Zeit ist für mich in den letzten Jahren die Woche der Aufbauphase der jeweiligen SMS gewesen. Da sind eine Menge Leute, die sich einmal im Jahr an der Bleiloch zusammenfinden und ihre Party bauen. Da bleibt auch Zeit übrig zum Entspannen. Die Muna ist für mich ein Ort voller Freunde. Es ist wie heimkommen, wenn ich dort hin fahre. 365: Bestehen angesichts der beliebten Tapeserie von Dir Pläne, irgendwann mal an einer Maxi oder dergleichen mitzuproduzieren? Oder kann man gar irgendwann mal mit Klamotten von Dir rechnen? Was machen Deine Website-Pläne (Phonografie)? Phono: Wir planen eine Reihe von Tapes bei Breakbeatmassaker, die wir auch bei den Mikromarken reinstellen wollen. Wir haben uns außerdem ein kleines Studio zusammengebastelt. Wir brauchen nur noch Abhörboxen und ne Soundkarte. Wir haben interessante Connections, und es ist langsam an der Zeit. Es steht ein breites Spektrum an Stilen parat, von fetten Breaks über Reggae/Jungle und Frickel-Elektronika bis zu der Kukidenta-Ecke mit Dub und Ambient. Die Stimmung ist gespannt :] Und meine Website steht übrigens auch endlich bald. 365: Was ist es bei Dir, was Dich nicht ruhen lässt? Was ist Dein Motor? Phono: Mein Motor ist ... eine Art Besessenheit und Hoffnung, dass es mehr Leute gibt, die etwas bewegen wollen. Ich mache viele Dinge, muss aber, glaube ich, langsam versuchen, das Tempo zu drosseln, es ist ungesund so zu hetzen. Ich lerne gerade, wieder langsamer und behutsamer zu werden und allem seine Zeit zu geben und zu ordnen. 365: Wird es dieses Jahr wieder traditionell und fernab von Kommerz, Gagen und Eintrittsgeldern ein „La Luna“ mit Lagerfeuer und smoothen Sounds geben? Phono: Ja, selber Tag und selbe Location wie in den letzten Jahren. Mit Deko und Feuer, was das Beste daran ist. Eine Nacht lang ins Lagerfeuer gucken und relaxen, das ist elementar. Auch die Muna wird wohl wieder unterstützend dabei sein. Erstaunlich, an so einem Tag gibt es einfach keinen Polizisten, der sich zu uns verläuft... cooles Datum... Der Geist der LaLuna ist mir sehr lieb. Es macht Spaß, dafür Sprit zu verfahren und Leute zu nerven, oder wie siehst du das? ;) 365: Was wünschst Du Dir? Was würdest Du unseren Lesern mitgeben? Magst Du den ein oder anderen grüßen? Phono: Ich wünsche mir, dass mein Sohn bei all der verrückten Hektik keinen Schaden nimmt, dass unsere Familie zusammenhält und wir alles, was wir vorhaben, gebacken kriegen. Bleibt euren Idealen treu, auch wenn sie euch manchmal am schnellen Aufstieg hindern. Ohne sie habt ihr keinen Glauben. Ich grüße alle, die ich ewig nicht gesehn hab in Gera: alle alten Ruckdeschler (you know who you are), außerdem Hädde, Engel, Maren, Fisch und den Rest der Muna, die bbm-Jungs, meine ganze Familie und Krishan. 365: Wir wünschen uns weiterhin viel Output von Dir, Dir weiterhin viel Glück bei den zahlreichen Projekten und danken für das Interview.
Leipzig, März 2004 erschienen: 365-Magazin 4/2004, Moderntunes.de 4/2004 |
|
|
© 2005-2008 Phono |
· Phonosophy · Sitemap · Search |